Wie bauen und leben wir in der Zukunft?

Bauen Zukunft

Eine Frage, die wir Soziologin und Zukunftsforscherin Christiane Varga gestellt haben. Die Antworten waren so überraschend wie inspirierend. Eines vorweg: Wohnen und Bauen müssen abseits ausgetretener Pfade gedacht werden. In diesem Beitrag laden wir Sie dazu ein.

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir das Wohnen in der Zukunft gestalten können – was wäre hier ein Gedankenanstoß?

Wenn wir über die gebaute Umwelt reden und überlegen, wie wir sie für die Zukunft gestalten können, dann sollten wir wirklich erstmal bei unserer Perspektive anfangen, bei unserer Sicht- und Denkweise. Und die ist oft noch sehr eingeschränkt und sehr linear gedacht.

Baumit Blog Bauen und Leben in der Zukunft - Christiane Varga Bauchfachtag

Unser Denken ist linear, sagen Sie. Was bedeutet das für Bauen und Wohnen?

Wir Menschen neigen grundsätzlich dazu, eben das, was wir kennen und in der Vergangenheit gemacht haben, in die Gegenwart und dann weiter in die Zukunft zu projizieren. Das gilt auch im Baugewerbe, das grundsätzlich traditionell geprägt ist. Was auch gut ist, denn wir brauchen Stabilität in Zeiten des Wandels. Aber je mehr man sich mit einer Sache beschäftigt, desto blinder wird man vielleicht für Möglichkeiten, die sich in der Zwischenzeit aufgetan haben, Dinge anders zu machen. Die Welt wird ohnehin immer komplexer, die Anforderungen steigen.

Mit Tunnelblick und Silodenken stehen wir uns also ein bisschen selbst im Weg, um das Bauen neu oder anders zu denken?

Genau. Man muss die unterschiedlichsten Dinge mitdenken, wie Gesellschaft, Umwelt, Bau, Kosten mehr denn je – deswegen ist es so wichtig, erstmal das Denken zu verändern. Das heißt nicht so linear, sondern divergenter zu denken.

Nicht linear, sondern divergenter denken – was bedeutet das für die Baubranche?

Das heißt das Denken abseits ausgetretener Pfade. Welche Möglichkeiten gibt es noch, was machen andere, andere Branchen, andere Länder – wo kann ich mir Inspiration nehmen? Ich muss nicht gleich alles radikal neu oder anders machen, ich kann vielleicht Dinge einmal kombinieren, die ich so noch nicht zusammengedacht habe. Da ist der systemische, der zusammenhängende Blick so wichtig.

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Baumit Blog Leben und Bauen in der Zukunft Esplanade 7

Wir brauchen den zusammenhängenden Blick, um Wohnen mehr an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten – wie „erlernt“ man diesen Blick?

Wichtig ist, nicht nur auf einzelne Inselthemen zu schauen, sondern auf Verbindungen – erst in der Konzeption und dann in der Ausführung. Denn dann entstehen wieder menschenfreundlichere Lebensräume. Da sieht man, dass wir die Dinge nicht mehr voneinander trennen können. Wenn wir so denken, gelingt es uns, das dann auch wirklich auszuführen. Auch in der Baubranche arbeiten Menschen, die mit ihrer Denkweise die Umwelt prägen. Bis hin zu ganz konkreten Themen der gebauten Realität wie zum Beispiel Fassaden.

Material, Optik, Ästhetik – wie sehr beeinflussen sie unser Wohlbefinden in Räumen?

Die Räume, ob Innenraum oder öffentlicher Raum, die uns umgeben, beeinflussen uns Menschen mehr, als uns oft bewusst ist. Das bezieht sich auf Materialien. Nicht nur darauf, dass diese nicht gesundheitsschädlich, sondern vielleicht sogar gesundheitsförderlich sind und auch auf das Optische, die Ästhetik. Wir leben in einer komplett globalisierten Welt, in der Orte immer selbstähnlicher werden.

Wir schaffen selbstähnliche Orte in einer globalisierten Welt – was macht einen Ort denn einzigartig?

Heute wird viel standardisierter gebaut. Die Orte haben nicht mehr diese Uniqueness oder Einzigartigkeit. Auch Baumit setzt sich mit dieser Frage auseinander: Wie können wir Fassaden gestalten? Malen wir sie einfach bunt an oder beziehen wir die Umgebung mit ein? Hier gilt es vieles zusammenzudenken: Ist es eine ländliche Region, in welcher Gemeinde sind wir, was ist hier Tradition und – wie können wir hier ein Farbkonzept entwickeln, das zu all dem passt? Wenn wir mit offenen Augen durch die gebaute Welt gehen, erkennen wir: Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Wunsch nach individueller Gestaltungsfreiheit und dem Setting, innerhalb dessen wir gestalten.

Der Wunsch nach einer einzigartigen Fassade muss im Kontext der Umgebung gesehen werden – wie sehr gelingt uns das heute?

Es ist sinnvoll, die Fassaden einzigartig zu gestalten. Sie dürfen schön sein, ein bisschen herausstechen und überraschen. Wichtig ist immer, dass man sich nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch die Umgebung ansieht und diese mit einbezieht. Wir haben die letzten Jahre viele Neubauten gehabt, die sehr, sehr gleich und standardisiert ausschauen. Da wollen die Menschen wieder dieses Wohlfühlen, dieses Einzigartige haben. Sie möchten eine schöne Fassade, die ein bisschen raussticht.

Baumit veranstaltet zum siebenten Mal die Baumit Life Challenge, bei der die schönsten Fassaden Europas gekürt werden – hier arbeiten viele kreative Köpfe zusammen, die all das mit- und zusammenzudenken: Umgebung, Alt und Neu, Einzigartigkeit und Harmonie, Wohlbefinden – ist das ein Schritt auf dem von Ihnen skizzierten Weg?

Ich finde es toll, dass Baumit hier als Plattform dient und dazu aufruft. Das zeigt auch wieder: Es geht nicht darum, dass die Ideen fehlen. Wir haben ganz viele neue Ideen und innovative Konzepte! Es braucht nur den Mut, diese auch umzusetzen. Das darf mehr angetrieben werden, denn wir kommen aus einer Zeit, die diesbezüglich noch sehr verzagt unterwegs war und auf Sicherheit bedacht. Es wird immer noch ganz blass gebaut, alles ähnlich. Standardisierung spart Kosten, Differenzierung schafft Wert.

„Es geht nicht darum, dass die Ideen fehlen, es geht um den
Mut zur Umsetzung.“

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Besondere Struktur

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Thermische Sanierung

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Historische Sanierung

Baumit Blog Bauen und Wohnen in der Zukunft - Weingartenhaus

Einfamilienhaus

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Mehrfamilienhaus

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Nicht-Wohnbau

Einzigartigkeit um jeden Preis oder mit Maß und Ziel – was macht es spannend?

Wir dürfen viel mehr in Sowohl-als-Auch denken. Nehmen wir Automarken, da gibt es eine Bandbreite für jeden Geschmack und Geldbeutel – warum spiegelt sich das in der Wohnsituation nicht wider? Es müssen nicht alle speziell und einzigartig sein. Ebenso sollen nicht alle Gebäude nur und ausschließlich in der Effizienzlogik gebaut werden. Dann wird es wieder spannend. Unser Umfeld ist ja auch ein Ökosystem, das nicht zu homogen, aber auch nicht zu heterogen sein soll.

Man kann also auch leistbare Akzente setzen, um Wohlfühlen zu ermöglichen?

Genau! Dann wird die gebaute Umwelt interessant und Menschen fühlen sich auch wohl in solchen Bereichen. Es ist durchaus möglich, ästhetisch und materialtechnisch anspruchsvoller zu bauen, ohne dabei viel teurer zu sein. Es gibt so viele modulare Bauweisen, die toll aussehen und dennoch leistbar sind. Denken wir an die Gestaltung von Fassaden – schon punktuelle Akzente machen interessanter. Auch das gehört zum Wohlfühlen: Wohlfühlen ist die körperliche, seelische und finanzielle Ebene. Das muss alles zusammenspielen.

Baumit Blog Bauen und Leben in der Zukunft - Rotes Spitz
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"Wohlfühlen ist die neue Währung."

Welche Rolle spielt für Sie der Mensch, für den eigentlich gebaut wird?

Der Mensch sollt im Zentrum stehen und mitgedacht werden. Wir müssen uns also die Fragen stellen: In welcher Welt leben wir heute, was braucht es da, um den Bedürfnissen gerecht zu werden? Man kann noch so kostengünstig bauen, wenn dann keiner einzieht bringt das alles gar nicht. Orte strahlen etwas aus. Das kann man nachweisen. Das Forschungsfeld Architektur und Resonanz beschäftigt sich genau damit und beweist, dass wir uns in einer Umwelt mit Strukturen wohler fühlen und nicht dort, wo alles ganz flach gebaut ist und gleich aussieht.

Wie wirkt sich der eigene Lebensstil auf das Wohnen aus?

Lebensstile sind individueller geworden – man hat nicht mehr die klassischen Familienläufe. Man hat neue Beziehungen, Kinder, Enkelkinder. Die Kinder ziehen aus und ziehen vielleicht wieder zurück. Es gibt das Lebensphasenwohnen – wir brauchen ergänzend modulare Wohnkonzepte. Man könnte Konzepte entwickeln, die wieder standardisiert sind. Es wäre eine Möglichkeit, die Leute an bestimmten Knotenpunkten zu befragen, was sie wirklich wollen und daraus lernen. Man muss ins echte Leben hinausgehen und mit den Leuten reden – das kann eine Frischzellenkur sein.

Wie beeinflusst der Klimawandel unsere Wohnansprüche?

 Immer mehr, natürlich. Auch er muss heute von Anfang an mitgedacht werden. Die Frage ist nicht mehr, ob wir dämmen, sondern wie intelligent wir es tun. Wir müssen uns fragen: Wie kann ich schon bei der Hardware darauf achten, dass es im Sommer gut kühlt und im Winter gut wärmt? Eine gute Wärmedämmung ist unabdingbar. Es lohnt sich, in diese Dinge zu investieren, denn man spart langfristig Energiekosten. Das erhöht die Lebensqualität, die Sicherheit, die Unabhängigkeit. Ich muss darauf achten, dass die Grundbeschaffenheit so gut ist, dass ich nicht nachrüsten und etwa in eine Klimaanlage investieren muss. Das Klima muss mitgedacht werden, hier können wir uns Anleihen aus Bauweisen der Vergangenheit nehmen und erkennen, wo schon etwas gut gemacht wurde.

„Das Klima muss mitgedacht werden.“

Was erwarten wir von modernem Wohnen, was „muss“ da sein?

Modernes Wohnen ist zurück zum Wesentlichen: Materialehrlichkeit: Es gibt bestimmte Faktoren, die dem Menschen guttun und die sich nicht verändern. Menschen setzen sich mit den Materialien auseinander, die sie umgeben – Stoffe sollten gesundheitsförderlich sein – da sind die Ansprüche gestiegen. Das betrifft auch die Dämmung. Gut gedämmt bedeutet Schutz im Sommer und Winter. Das Gebäude soll mich in meiner Lebensweise auf unterschiedlichen Ebenen unterstützen: ökonomisch, ästhetisch und gesundheitlich. Wichtig ist die Reduktion auf das Wesentliche anstelle einer Überfrachtung mit Trends. Heute suchen die Menschen das Authentische.

„Modernes Wohnen ist zurück zum Wesentlichen:
Materialehrlichkeit.“

Sie sagen, Kollaboration aller am Bauen Beteiligten ist angesagt – was bedeutet das?

Es bedeute das Ende des Silodenkens und den Anfang einer integrativen Sichtweise. Es geht um die Integration von Analogem und Digitalem, um Innovation, an der Wissenschaft gemeinsam mit Wirtschaft arbeitet, um Transparenz und um Regionalität, bei der die nachhaltige Entwicklung für Stadt und Land im Fokus steht.

Sie sehen das Netzwerkprinzip als Lösungsstruktur – was ist zu tun?

Wir sollten anfangen, unterschiedliche Disziplinen zusammenzudenken. Es geht um ein kluges Sowohl-als-Auch. Nehmen wir digital und analog. Digitale Technologien helfen im Bauprozess und sind daraus nicht mehr wegzudenken. Nehmen Sie das Smarthome. Manche wollen, dass in ihrem Zuhause digitale Komponenten mitgedacht werden, andere weniger. Wir müssen entscheiden: Wo kann ich das Digitale in der analogen Welt klug einsetzen? Die Antwort ist einfach: Nur da, wo es auch Sinn macht.

Baumit Blog Bauen und Leben in der Zukunft Smart Home

Sie nennen es „die Komplexität umarmen“ – wie macht man das?

Man soll sich nicht vor der Komplexität fürchten, denn man kann sie nicht ändern. Es ist alles komplexer geworden, und so wird es in Zukunft auch sein. Es ist besser, die Komplexität bildlich gesprochen zu umarmen, denn sie kann zuträglich sein. Sie bringt Neues in die Welt.

Wer wird die Zukunft des Bauens gestalten?

Wer Energie intelligent nutzt. Wer Kosten langfristig denkt. Wer gesunde Räume schafft. Wer Fassaden gestaltet, die Identität stiften. Die Zukunft des Bauens ist kein Entweder-Oder, sondern ein Zusammendenken von Energie, Wohlbefinden und Gestaltung.

Fazit und Zusammenfassung

Unsere Städte verändern sich rasant. Wie wir wohnen, wie wir bauen und wie wir zusammenleben, steht vor einem grundlegenden Wandel. Die Soziologin und Zukunftsforscherin Christiane Varga beschreibt klare Entwicklungen, empfiehlt den Mut zu neuen Konzepten und bequemes Silodenken durch integratives Denken zu ersetzen. In einer komplexer werdenden Welt sehnen wir uns nach dem Authentischem und Materialehrlichkeit. Ihr Rat für die Zukunft des Bauens? Mut zu Neuem und mehr Sowohl-als-Auch als Entweder-Oder.

Baumit Blog Bauen in der Zukunft Christiane Varga

Fotocredit: Jenni Koller

Die Soziologin und Zukunftsforscherin Christiane Varga war von 2012 bis 2017 Teil des Think Tanks am Zukunftsinstitut. Heute berät sie Großkonzerne, Organisationen und Bildungseinrichtungen zu Zukunftsstrategien, Trends und gesellschaftlichem Wandel. An der FH Joanneium in Graz unterrichtet sie am Lehrstuhl Industrial Design das Fach „Design Research“.

FAQ

Wie sehr spielt Materialqualität beim Bauen eine Rolle in Zukunft?

Der Fokus bei Baustoffen liegt auf Wohngesundheit. Wir wünschen uns ein Zuhause, das unserer Gesundheit einträglich ist oder diese sogar fördert, wie zum Beispiel die Wandfarbe Baumit Ionit, die Raumluft aktiv verbessert.

Wie wichtig wird das Wohlfühlen beim Wohnen sein?

Wohlfühlen ist das, was für die Menschen am meisten zählt. Hier spielen verschiedene Ebenen zusammen: die körperliche und gesundheitliche ebenso wie die finanzielle und seelische Ebene. Nur so entsteht Lebensqualität.

Wie wichtig ist die Dämmung für die Gebäude der Zukunft?

Dämmen ist kein Nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Der Rohstoff Energie muss so gut wie möglich eingesetzt werden, nicht so viel wie möglich. Mit einer Baumit Fassade ist man für die Zukunft gut gerüstet.

Wie leistbar ist schönes Wohnen?

Wir möchten unserem Zuhause gern etwas Einzigartiges verleihen. Wir wollen, dass es ein bisschen aus der Masse heraussticht. Das wird leistbar, wenn man individuelle Akzente setzt, wie zum Beispiel bei der Fassadengestaltung. In den Baumit Farbberatungszentren bekommt man einen Gestaltungsvorschlag, der im finanziellen Rahmen bleibt und dabei einzigartig ist. Für den ersten spielerischen Gestaltungsversuch eignet sich der Baumit ColorDesigner in der Desktop-Version.

Autor: Christa Berger

Baumit Marketing

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